unsichtbar
 

Der 4. Stock, das Fenster zur Welt

Benutzerbild von Speedy

Seit ein paar Tagen wohne ich nun in Köln. Köln ist eine große Stadt. Sehr groß. Auf jeden Fall deutlich größer als Oldenburg. Mehr Straßen, mehr Hochhäuser. Mehr Wohnungen, mehr Menschen. Mehr Probleme. Mehr Liebe, Leid und Lachen. Einfach mehr von allem. Vielleicht ist das der Grund warum man sich grade in Großstädten seines eigenen Lebens bewusster wird. Weil man Tag für Tag andere Leben vor Augen hat. Leben die man selbst gern führen würde, Leben, von denen man hofft sie nie zu führen, Leben die erscheinen wie eine schlechte Karikatur dessen, worüber man sich so gerne lustig macht.
Dieser Gedanke schießt mir immer wieder durch den Kopf. Zumeist wenn ich selbst dastehe und auf die Straße, die Balkone und Hinterhöfe schaue, die ich von diesem Balkon im 4.Stock einsehen kann; mit Zigarette in der Hand, auf die Unterarme gestützt, wie eine alte Frau, die einfach nichts anderes im Leben mehr hat als die Leute in der Nachbarschaft zu beobachten, ihre Gewohnheiten zu studieren, bescheid zu wissen über Jeden um sich so doch noch nicht gänzlich nutzlos für die Gesellschaft vorkommen zu müssen. So steh ich da und beobachte ebenfalls. Ich sehe den Kindern nach, welche die Straße hoch und runter rennen. Ich schaue den Tauben zu, die von Blitzableiter zu Blitzableiter fliegen um auf Kölns Dächern ihre Geschäfte zu verrichten. Ich verfolge jede Bewegung der Bewohner des gegenüberliegenden Hauses. Die Fassade des Hauses ist mit bräunlichem Putz verstrichen, der fast zur Gänze unter schwarzen Rückständen der Abgase von Linienbussen und an der Ampel wartenden PKW verschwunden ist. Nur hier und da, an den Ecken der Balkone und Fensterbretter, sieht man wie dieser Schmutz mit dem Regen die Wand hinunter läuft. Auch die Balkongeländer haben schon deutlich bessere Zeiten gesehen; sie sind leicht verkratzt und die blau-schwarze Lasur ist schon ganz ausgeblichen, blättert hier und da sogar vom spröden Holz ab. Keiner der Balkone, die ich von hier aus ausmachen kann ist tiefer als drei oder vier Schritt. Auch der nicht, auf dem ich stehe und mit meinen Kleinstädteraugen auf die großstädtischen Frühstücksteller und Wäscheständer sehen kann. An fast jedem Geländer hängt ein Blumenkasten. Jeder scheint die gleichen Blumen zu haben, nur die Farben variieren ein wenig. Einige sind tiefrot, andere quietschend pink, hier und da mal eine weiße Blüte, etwas Grünes. Auf einem Balkon findet sich ein kleiner Mandarinenbaum, der zwar Früchte trägt, die allerdings nicht sonderlich appetitanregend aussehen, auf einem anderen eine verloren-optimistisch dreinschauende Sonnenblume, die sich wohl nach Feldern, Spatzen und Mähdreschern sehnt, oder wenigstens nach herumtollenden Bauernkindern. Auf einem Balkon gibt es keine Pflanzen – unten rechts im 1. Stock – und auch sonst stehen dort nur zwei Plastikstühle und ein nicht dazu passender Tisch, die langsam aber sicher zum Opfer von Vernachlässigung und Umwelteinflüssen werden. In dieser Wohnung sind die Jalousien immer halb herunter gelassen. Das bisschen Teppich, das man von hier oben mit neugierigen Blicken noch erhaschen kann ist hellgrau, leer und ausgelatscht. Am Geländer weht eine einsame schmutzige Deutschlandfahne, wohlmöglich ein Überbleibsel der vergangenen Fußballweltmeisterschaft. Ob dort überhaupt jemand wohnt? Ich bezweifle es fast. Der Balkon links daneben steht zwar leer, die Tür ist jedoch abends immer geöffnet, sodass die in der dazugehörigen Wohnung lebende Katze aus dem Wohnzimmer schleichen und sich auf der Geländerecke niederlassen kann. Dort sitzt die bis spät in die Nacht und stiert auf die Straße, sowie ich. Ganz links hängen rote Blumen aus dem Blumenkasten und es ist ein Sonnenschirm aufgestellt. Ein Sonnenschirm mit Deutschlandmusterung. Darunter sitzt bis Mittags ein älterer Herr, Rentner vermute ich. Er trägt ein ehemals weißes, jetzt graues, Feinrippunterhemd zu einer 80er-Jahre Jogginghose. Die grau-weißen Haare sind mit Wasser oder Pomade zurück gekämmt, vielleicht sind sie auch nur fettig. Auf seiner Nase sitzt eine dicke vergilbte Brille, die er beim Studieren seiner Morgenlektüre (Bild-Zeitung versteht sich) ab und an erst auf die Nasenspitze und dann zurück vor die Augen schiebt. Seine Frau habe ich noch nicht gesehen, doch ich bin mir sicher, dass er verheiratet ist. Dieser wenig-rüstige Endsechziger sieht nicht im Geringsten so aus, als pflege, hege und pflanze er die Blümchen im Hängekasten. Geschweige denn, dass sie ihm gefielen oder auch nur seine Beachtung fänden. Er raucht auch sehr viel. Selbst drei Stockwerke höher und auf der anderen Straßenseite kann ich noch erkennen wie gelb sine Fingerspitzen sind. Wie er da so sitzt ist schon traurig. Wie eine Karikatur seiner selbst und jedes Deutschen, der sich auf der sozialen Leiter nach unten bewegt. Er tut mir ein bisschen Leid. Auch seine Nachbarskatze scheint ihn manches Mal bedauernd anzusehen und den Kopf zu schütteln. Und dann bemerke ich, wie sie – ein wenig vorwurfsvoll – zu mir hochschaut und ich ertappe mich dabei, genauso klischeehaft auf meinem Balkon zu stehen wie die, die für mich alles sind nur kein Lebensziel. Dann gehe ich zurück in mein Zimmer und schäme mich ein wenig. Ein wenig kleinstädtisches Moralgut, dass noch in mir glimmt. Neugierige Anonymität ist etwas für Großstädter. Zwar habe ich immer geglaubt, in meinem Inneren schlummere eine metropolitische Seele. Doch wenn ich hier so sitze, zwischen Straßenlärm, Flugratten und unbekannten Gesichtern, wünsche ich mir ein wenig die grünen Wiesen in Oldenburg zurück, und die Vertrautheit der Norddeutschen untereinander.
Wie gut, dass der Mensch so anpassungsfähig ist und trotzdem seinem Herzen treu bleibt!
Köln gefällt mir. Es ist eine große Stadt. Sehr groß. Und groß bin ich auch!

Unnütze Information von heute:
In China wird „kleinbürgerlich“ als Synonym für „schick“ und „modern“ benutzt.

So ähnlich gings mir auch,

So ähnlich gings mir auch, als ich nach Oldenburg gezogen bin, auch wenn Oldenburg nicht so trostlosen Eindruck macht wie das, was du da beschrieben hast. Aber die Dimensionen beim Umzug dürften etwa stimmen Eye-wink