unsichtbar
 

The devils DVD

Benutzerbild von Speedy

...oder: „(M)Ein saturnischer Montag“

„Habt ihr die kleine Blonde gesehen, die heute immer wieder ihren DVD-Player umgetauscht hat?“ wird grade jemand im „Kleinen Kurfürsten“ unten an der Ecke fragen und die Anderen werden ein zustimmendes Brummen von sich geben. Vielleicht bläst auch einer Rauch in die Luft, und keiner weiß woher die Dunstwolke kommt, weil doch niemand raucht.
Die kleine Blonde bin ich. Und die DVD-Player die ich da immer wieder umgetauscht habe heute, sind die Sargnägel an meinem Nervenkostüm. An und für sich sollte man meinen, es sei keine tragische Sache ein technisches Gerät um zu tauschen. Allerdings ist dies wohl doch nicht immer so einfach, wie man zunächst denken mag. Das Drama begann damit, dass ich zuhause auszog. Von Mama bekam ich einen DVD-Player geschenkt, da ansonsten meine große Filmsammlung vollkommen unnütz im Regal stünde. Leider musste ich beim Anschließen des Gerätes vor einer Woche feststellen, dass dieser Neuerwerb (!) nicht funktionstüchtig war. Zu allem Übel hat er bei der einzigen Gelegenheit zu der sich der Open-Button betätigen lies meine DVD „Der Name der Rose“ gefressen. Wie schlimm es um diesen Umstand bestellt sein sollte... na ja... dazu später mehr. Heute morgen also packte mich die Wut über den technischen Fehlkauf. Und so sah man mich gegen halb elf das erste Mal aus der Wohnungstür gehen. Treppab, 62 Stufen. Rechts raus aus der Tür, am „Kleinen Kurfürsten“ und am Rathaus vorbei, runter zur U-Bahn. Rein in die Linie 1, warten, Leute beobachten, am Neumarkt aussteigen. Die Schildergasse hoch laufen, in den Kaufhof rein. Vier Rolltreppen hinauf, in die Elektroabteilung von „Satan“. Nach einem kurzen Gespräch mit dem überaus freundlichen Herrn B. landete ich schließlich in der Service-Abteilung. Wie mir Herr B. erklärte würde man hier, bevor ich das Gerät natürlich an der Kasse zurück geben könne („Nein, es ist auch wirklich kein Problem, dass sie den in Oldenburg gekauft haben“), meine DVD mittels eines Schraubenziehers und etwas Fingerspitzengefühls aus der gefräßigen Klappe des Players erretten. Ein schon nicht ganz so freundlicher Herr M. im Serviceraum setzte mich sofort über den Irrglauben seines Kollegen in Kenntnis. Würde man den Player jetzt aufschrauben, hätte ich keinen Garantieanspruch mehr. Ob ich Ersatz bekäme? Nein! Ob man die DVD neu kaufen könnte? Im Internet vielleicht, ja, schließlich werde dieser Film in Deutschland nicht mehr produziert und verkauft. Bullshit! Nein, nein, das sei tatsächlich so, er mache ja die Regeln nicht. Etwas geknickt aber mit einem neuen Gerät unter dem Arm ging ich zur Kasse, wo alles sofort ordnungsgemäß verrechnet wurde. Viel Spaß mit dem Neuerwerb! Vier Rolltreppen herunter, raus aus dem Kaufhof und die Schildergasse runter. Am Neumarkt in die Linie 9, Leute beobachten, warten, Kalk Kapelle raus aus der U-Bahn und auf die Kalker Hauptstraße. Am Rathaus und am „Kleinen Kurfürsten“ vorbei, links ab. 62 Stufen treppauf und in mein Zimmer. Voller Vorfreude packte ich den neuen Player aus, schloss ihn an und schob eine DVD ins Laufwerk. Tatsächlich gab es auf dem Bildschirm ein paar bewegte Bilder zu sehen. Bis hierhin sehr schön. Der Haken war die Fernbedienung. Die funktionierte nicht! Leicht angesäuert und der festen Überzeugung, dass die Götter sich hier einen blöden Scherz mit mir erlauben wollten schob ich also alles zurück in die Verpackung (nicht, ohne vorher erfolgreich meine DVD - zum Schutz vor eventuellen Fressattacken – zu entfernen) und stiefelte mit meinem Paket zur Tür hinaus. Treppab, 62 Stufen. Rechts aus der Tür, am „Kleinen Kurfürsten“ und Rathaus vorbei, runter zur U-Bahn. In die Linie 1, warten, Leute beobachten, Neumarkt aussteigen. Schildergasse hoch, in den Kaufhof rein. Vier Rolltreppen rauf, in die Elektroabteilung von „Satan“. So schnell würde man sich wiedersehen. Ja, Herr B., so schnell geht das. Was es diesmal wäre. Fernbedienung tut nicht. Ach... da könnte er dann natürlich ein neues Gerät aushändigen, wäre ja auch eine blöde Sache,... oder besser noch, ein Markengerät empfehlen, die seien etwas teurer, aber man habe im Regelfall keine Probleme damit. Leider hat man als Student und am Ende des Monats meist kein Geld für solche Späße über. Und es sei ja nur die Fernbedienung. Man könne ja, vielleicht im Service einmal den Neuen auspacken und sich davon überzeugen, dass alles funktionstüchtig sei. Ja, das sei auch möglich, man werde das sofort in meinem Beisein tun. Und tatsächlich wurde weder die Promo-DVD gefressen, noch machte die Fernbedienung irgendwelche Zicken. Und wieder ging es zur Kasse, wo man mich ein wenig misstrauisch beäugte. Sei ja eine seltsame Geschichte, aber trotzdem noch mal viel Spaß mit diesem Neuerwerb! Vier Rolltreppen runter, raus aus Kaufhof und Schildergasse runter. Neumarkt in die Linie 9, Leute beobachten, warten, Kalk Kapelle raus und auf die Kalker Hauptstraße. An Rathaus und „Kleinem Kurfürsten“ vorbei, links ab. 62 Stufen rauf, in mein Zimmer. In dem Wissen ein diesmal etwas funktionstüchtiges vor mir zu haben schob ich „Die purpurnen Flüsse“ rein und startete. Ich wusste das es klappen würde. Ich hatte es gesehen. Doch gleich bei der ersten Szene wurde ich stutzig: Zwar hörte ich leise Waldgeräusche aus dem Fernseher – die dort auch hingehörten – nur hörte ich keinen von Menschen gesprochenen Ton. Dabei konnte ich Jean Reno doch auf dem Bildschirm reden sehen. Aber ich wusste es doch... ich hatte es gesehen! Auch „Das Schweigen der Lämmer“ benahm sich seltsam. Eine Szene war so laut, dass ich Angst hatte der Jazzer aus dem 1. Stock würde hoch kommen und sich beschweren, die nächste war – trotz massiver Lautstärkeregelung am Fernseher – so leise, dass ich die Tauben draußen lauter gurren hörte als Hannibal Lecter in der Flimmerkiste sprechen. Ein verzweifelter letzter Versuch mit „Moulin Rouge“ brachte mich auch nicht weiter, also musste ich erneut einpacken und stürmte dann (sauer wie Harald Juhnkes schlimmstes Sodbrennen) aus der Wohnung. 62 Stufen, Tür rechts, „Kleiner Kurfürst“, U-Bahn, Linie 1, warten, Neumarkt, Schildergasse, Kaufhof, Rolltreppen, „Satan“! Wie ich so auf die Elektroabteilung zustürzte, glaubte ich aus dem Augenwinkel einige Kunden und Angestellte zu sehen, die sich panisch auf den Boden warfen, denn – das zeigte mir eine der Ausstellungskameras auf einem großen Flachbildschirm – mein Gesicht hatte etwa die Farbe von glühender Lava und die Grimasse eines übelgelaunten Kasernenoffiziers angenommen. Herr B., der noch gar nicht richtig wusste wie ihm geschah wurde von mir mit den Worten begrüßt: „Ich muss Sie beglückwünschen: Sie haben grad die letzten 5 Minuten meiner Selbstbeherrschung gewonnen, bevor ich selbige vollends verliere!“ Sein verwirrt-nervös-ängstliches Lächeln besänftigte den rasenden Löwen in meinem Inneren dann immerhin soweit, dass ich mit gemäßigter Seelenruhe erklären konnte, was mit diesem DVD-Player nicht in Ordnung sei. Oh, ja, das sei sicher der Scart-Anschluss. Ob ich mal probiert hätte, ob das Kabel ordentlich drin sei? Ja, hatte ich. Dann wüsste er auch nicht... blöd das... könnte man nichts machen... bekäme ein neues Gerät. Ein neues, dass wieder nicht funktioniert?! Langsam war mein Nervenkostüm doch arg strapaziert. Zugegeben, der Sport war sicher gut für meinen Hüftspeck. Aber noch mal hin und her rennen, dass würde ich nicht ertragen. Da müsste er versprechen mich regelmäßig in der Irrenanstalt zu besuchen. Nein, nein, er habe sich da noch mal umgeschaut, und da sein ein Markengerät, das eigentlich 30 Euro mehr koste, als dieses Unsägliche... in Anbetracht der Umstände würde er es mir aber für nur 10 Euro über Umtauschpreis überlassen. Das war doch eher nach meinem Geschmack. So verließ ich ein letztes Mal den Kassenbereich, unter den Blicken der konsternierten Kassiererinnen. Und einen schönen Montag noch! Während ich mit dem Fahrstuhl nach unten fuhr, anstatt die Rolltreppen zu benutzen, formte sich in mir der recht amüsante Gedanke, Herrn B. – sollte das Markengerät auch versagen – bei mir zuhause auftauchen zu lassen, mit einer Auswahl an DVD-Playern, die er dann bitte anschließen und testen möge, bis einer gefunden sei, der meinen Ansprüchen genüge. Lächelnd schlenderte ich raus aus dem Kaufhof und Schildergasse hinunter. Am Neumarkt stieg ich in die Linie 9, beobachtete Leute, verließ an Kalk Kapelle die U-Bahn und fuhr mit der Rolltreppe hoch auf die Kalker Hauptstraße. Ich ging am Rathaus und dem „Kleinen Kurfürsten“ vorbei, bog links ab und fiel immer noch lächelnd in die Haustür. 62 Stufen hinauf und in mein Zimmer.
„Habt ihr die kleine Blonde gesehen, die heute immer wieder ihren DVD-Player umgetauscht hat?“ wird grade jemand im „Kleinen Kurfürsten“ unten an der Ecke fragen und die Anderen werden ein zustimmendes Brummen von sich geben. Vielleicht bläst auch einer Rauch in die Luft, und keiner weiß woher die Dunstwolke kommt, weil doch niemand raucht. Nur ich weiß es. Das ist der Dampf, der aus sämtlichen Ventilen an meinem Kopf entweicht. Aus Erleichterung. Denn dieser DVD-Player funktioniert einwandfrei!

Unnütze Information von heute:
Bevor der finnische Konzern Nokia mit Handys berühmt wurde, produzierte er Reifen und Gummistiefel!

Boah ich konnt in gedanken alles mitverfolgen ;)

Na dann haste aber echt was erlebt, aber ich weiß genau wo du langgelaufen bist, cool da war ich auch schon. Aber immer wieder die 62 Stufen runter argh...aber uhh ich wusste wo die ganzen strassen sind und so...geilo, ich weiß wo die Speedy langläuft!

Aber du hast echt nicht die DVD wieder? Die würd ich verklagen!!!! Eye-wink

Beileid!

großartig *g* Sowas gibts

großartig *g* Sowas gibts hier nicht. Eigentlich gibts hier gar nix *g*

*pruust* Ich wurde beim

*pruust* Ich wurde beim Lesen immer schneller, wie du es geschrieben hast, macht das sehr gut deutlich. Wie im Film mit Zeitraffern (wenn du von Zuhause zum Satan gereist bist).

Wie bescheuert das doch ist... aber zu Satan hatte ich sowieso noch nie so viel Vertrauen, statistisch gesehen bist du vermutlich der Servicefall, der einmal in zwei Jahren vorkommt oder so, ist doch noch etwas positives *ironisch murmel* =)

Aber die DVD vom Anfang hast du wieder? Nein? Boa wäre ich Amok gelaufen... naja.

Eine herzergreifende

Eine herzergreifende Geschichte, die trotz des damit verbundenen Ärgers mit viel Humor und sehr stilistisch geschrieben ist. Mein Beileid zu dem dir Zugestoßenen und mein Glückwunsch zum erstandenen markengerät und zu dieser Schreiberskunst Cool