Bis über den Tod hinaus und noch viel weiter
die Gerontologie ist die Wissenschaft des Alterns. Sie sollte es sein. Ergebnis- und Interaktionsorientiert. Darauf besonnen, welche Ressourcen noch vorhanden sind. Und so bitter und düster es klingt. Der Tod wird später der ständige Begleiter des Gerontologen sein. Patienten werden sterben. Die Grenzen der Medizin zeigen sich langsam am Horizont auf. Der Gerontologe rennt direkt darauf zu.
Stirbt ein Geliebter Mensch, so trauern die Angehörigen. Doch wer denkt an den Arzt oder den ehrenamtlichen Helfer, der den Sterbenden bis zum Tod begleitet hat? Schwere Kost liegt bei diesen Damen und Herren auf dem Teller. Hat ein Arzt nicht den Eid des Hippokrates geschworen? Seit jeher war ein Arzt ein Helfer. Bis die Medizin anfing rasante Fortschritte zu machen, war der Arzt der, der dem Patienten in schwerer Krankheit beistand, ihm half so gut es ging und dann wartetet wie die Krankheit ihren VErlauf nahm. Ob mit Tod oder Leben.
Der moderne Mediziner denkt nicht daran dem Leben seinen Lauf zu lassen. Er verordnet Chemotherapie, Bestrahlung oder Totaloperation. Nicht etwa für den Patienten. Nein. Er muss sich am nächsten Morgen im Spiegel sehen und sagen: ICh habe alles getan was ich konnte. Doch wo überschreitet er den Grat? Hat er die schmale Linie zwischen helfen und quälen verlassen und steht auf der falschen Seite? Ist "alles getan haben" überhaupt im Sinne des Patienten? Er sollte die Möglichkeit bekommen in Würde zu sterben. Eine große Narbe am Unterbauch einer schwer kranken Patientin in onkologischer Behandlung ist nicht Würde. Trotz dieser OP wird sie nur eine 20%-ige Chance haben zu überleben. Würde ist, wenn der Mediziner den Patienten zwar nicht aufgibt, aber ihn an der Hand nimmt und ihn möglichst ohne Schmerzen bis in den erlösenden Tod begleitet. Doch diesem Arzt muss bewusst sein, dass die Barriere zwischen ihm und dem Patienten bricht. In seinen letzten Lebenswochen hat der Erkrankte ein Bedürfnis nach menschlicher Nähe. Er sammelt die Menschen um sich, die ihm besonders viel bedeuten. Zwangsläufig wird der Palliativmediziner in diesen Kreis aufgenommen. Er behandelt nicht mehr die Krankheit. Er behandelt wie Patch Adams den Menschen, der diese Krankheit hat. Ob es Schmerzen sind, Annorexie, Mundtrockenheit oder Probleme beim Atmen. Er muss schnell reagieren und auch vorrausschauend, um die letzte Zeit im Leben des Patienten so angenehm und schmerzfrei wie möglich zu machen. Der Arzt hat keine distanzierte Haltung mehr, er darf es nicht. Er ist die Schulter, an der die Tränen getrocknet werden. Er ist die Endstation von einem Leben. Viele Mediziner haben Probleme mit dieser Art der Palliativmedizin. Sie ertragen den langsamen und schmerzhaften Abschied eines Menschen nicht, der sie über einige ZEit in ihrem Leben begleitet. Sie alle werden Spuren in seinem Herzen hinterlassen und oft auch Tränen, die getrocknet werden müssen. Palliativmediziner, Seelsorger, Gerontologen. Sie sind alle nur Menschen. Menschen mit einem Berufsfeld, das sich mit den letzten Wochen des Lebens befassen kann, aber nicht muss. Und wenn es so ist, verdienen sie den größten Respekt. Im Laufe seines Lebens verliert man Geliebte Menschen. Und mit ein bisschen Glück kann man sie gehen lassen und ist mit sich im Reinen. Wie jedoch jemand mit der täglichen Konfrontation umgeht, ist verschieden. Trauer, Wut oder gar Abstumpfung? Man vermag es nicht zu sagen. Jeder wird seinen Weg haben, mit dem Verlust und der Begleitung bis zum Tod umzugehen.
"Der Weg war zu steinig, der Berg zu steil. Da nahm dich der Herr bei der Hand und sprach: Komm Heim"
in einem wort?!
wow
... naja, sagen wir noch *mumpf*... heikles thema, aber sehr gut durchdacht!
Hm... da hast du mich ja mal
Hm... da hast du mich ja mal zum Nachdenken über solch ein Thema bekommen - wobei - ich habe vorher schon darüber nachgedacht. Sei es während meiner Zivildienstzeit im Altenheim oder während ich "Scrubs" geguckt habe, wo teilweise (auch wenn es Comedy ist) recht ernst gerade solche Themen behandelt werden.
Ich habe eine Bekannte, die Chirugin ist und gerade in den Innere-Medizin-Part wechselt (also von den Aufschneidern zu den Quacksalbern). Sie wird das ja auch noch direkter erleben... klar, als Chirug hat man sicher viele Leute gehabt, die auch direkt gestorben sind, aber ich glaube, wenn jemand mit Medikamenten behandelt wird und es nicht schafft, kann das noch anders sein als Arzt. Wobei ich mich widerum ja auch gar nicht wirklich dahinein versetzen kann, sondern nur wild mutmaße.



... und was will der Patient?
Ich glaube, dass es einen starken Kranken braucht, wenn der noch sagen soll "ok, gut, reicht jetzt, Doc, du musst nicht mehr weiter operieren, bestrahlen, ...". Der gemeine Patient, der seine Hoffnung in die Kunst der klassischen Medizin legt, legt IMO einen Teil seines eigenen Willens ab. Insofern denke ich: auch die Bewußtheit des Betroffenen muss aufgebaut werden, damit er mit seinem Leben und seiner Situation umgehen kann. Der Arzt ist da an seiner Grenze, er muss da einen inneren Konflikt haben, das sehe ich auch so. Hoffen wir also, dass die Dienstleistung des Palliativmediziners o. ä. von der Krankenversicherung getragen wird. (Wobei mir gar nicht klar ist, wann oder wie der mit ins Boot kommt und zu Rate gezogen wird - muss der Patient danach verlangen? Kann er das überhaupt noch, wo er doch gerade in dem Punkt evtl. ein Defizit hat?)